Dienstag, 21. Juni 2011

Die zweite Chance 2 --- Der Bettelsmann im Hinterhof

Das Laub raschelte unter den Füßen. Es war ein düsteres Rascheln, ein unheimliches. Irgendetwas stimmte nicht. War da nicht ein Schrei? Eine Stimme eines jungen Mädchens, unschuldig, unverdorben und unverbraucht? Und jetzt konnte man auch noch die Umrisse des Mädchens sehen. Vor dem fahlen Mondenschein war sie klar zwischen den Bäumen auszumachen. Aber was war das? Eine unförmige Gestalt (unförmig ist sicherlich ein falscher Begriff. Die Gestalt hat natürlich eine Form, die zugleich unmenschlich und menschlich, animalisch, aber allen Tieren fremd ist. Unförmig eben) streckte seine Klauen dem Mädchen entgegen. Und das Mädchen lies sich wie paralysiert erfassen, ergreifen und erhaschen. Ein Schauspiel des Grauens.
Steran rannte heldenhaft zur Schreckensstelle und...
und...
und stürzte. Es war ein Sturz ohne Stolpern. Ein Sturz ohne Fallen. Ein Sturz vom und ins Nichts.

Plötzlich erwachte er auf steinernem Boden. Es brauchte einen Augenblick bis die Sinne wieder am Arbeiten waren; sowohl im körperlichen als auch im geistigen Sinne. Schweiß stand ihm auf der Stirn und die Augen waren weitest geöffnet. "Dieser verdammichte Barde" schimpfte Steran stumm vor sich her. "Warum musste dieser die Mär vom Werwesen erzählen! Ach, ich könnte ihn!"
Steran selber war in demselben Hinterhof erwacht, in dem er sich am Abend auch hingelegt hatte. Hier hatte er sich einen Verschlag angelegt, indem er zwischen einem Regal auf der einen Seite und einer Hauswand auf der anderen Seite eine Decke gespannt hatte und sich darunter ein Lager einrichtete. Und hier hatte er sein ganzes Hab und Gut vor den Augen nervender Gaffer verborgen. Er konnte zur linken Seite durch in eine Gasse reinblicken, die allerdings nach wenigen Schritten nach links abknickte. Und vorne konnte er am Regal vorbei durch eine Gasse hindurch auf die Straße sehen, ohne dass er selber auffallen konnte. Genau genommen hätte er in diese Gassen hineinblicken können, wenn es heller gewesen wäre, aber so liess sich an der Helligkeit nur zwischen Hauswand und keine Hauswand unterscheiden. Ebenso waren der Baum und der Hauseingang hinter dem Baum aufgrund der alles verschlingenden Schwärze nahezu unsichtbar.
Aber dafür liess sich vieles besser erhören. Da war zum Beispiel diese Katze, die leise auf Mäusejagd gegangen war. Oder diese düsteren Schritte, die mit einem Keuchen einhergingen. Ausserdem war da ein Laut, welches der Stimme einer jungen Frau glich. Offensichtlich eine Frau, die entweder eine sehr fremdartige Sprache sprach oder aber unter einer extrem undeutlichen Aussprache litt. Diese Geräusche wurden nun lauter, als ob sich die Personen dem Hinterhof näherten, bis sich die Gewißheit verfestigte: Die Personen näherten sich dem Hinterhof. Ein kräftiges "Wir sind's!" führte nun dazu, dass die Tür hinter dem Baum aufging und ein kräftiger Mann mit einer Fackel herauschaute.
"Habt ihr das Paket?"
"Aber sicher!" antwortete eine Männerstimme, die von einer der Gestalten aus der Gasse stammte. "Und wirklich gut verschnürt!"
Nun konnte Steran auch die andere Gestalt sehen, die offensichtlich einen Sack auf dem Rücken schleppte. Dieser Sack hatte aber die wahrlich ungewöhnliche Eigenschaft, sich relativ wild zu bewegen. Der klassische Sack neigt eher dazu, schlaff herunterzuhängen, falls man ihn lässt. Noch ungewöhnlicher an diesem Sack war aber die Tatsache, dass aus der oberen Öffnung zwei Füsse herausragten. Einer mit einer Sandale bekleidet, der andere nackt. Steran entschied sich spontan, keinen Ton und auch nicht den Hauch eines solchen von sich zu geben.
Im Gegensatz zur Katze. In freudiger Erwartung, eine fette Ratte zu erwischen, sprang sie über Steran hinweg, riss eine Ratte und streifte eine nichtleere Buddel die ihre Position auf den Pflastersteinen eingenommen hatte. Und diese fiel um. Sie fiel zum Glück leise, was man aber vom scheppernden Aufprall nicht unbedingt sagen konnte. Und dann rollte diese auch noch geräuschvoll umher um ihren klebrigen Inhalt auf dem steinernen Boden auszubreiten.
"Guck mal nach!"
Der Mann in der Tür wies gezielt in Richtung des Verschlages, worauf einer der beiden aus der Gasse die Fackel griff und sich auch langsam in jene Richtung bewegte. Und Steran stand nun vor einer der vielen Entscheidungen, die das Leben bot. Laufen oder Ausharren? Für jemanden, der trotz aller Widrigkeiten an diesem hing, war dies aber eine leichte Entscheidung. Steran griff nach der schuldigen Flasche, warf sie dem vermutlich nicht ganz so freundlichen Herren entgegen, sprang auf und rannte in jene Gasse, die den Knick nach links hatte. Der Beworfene, der sich zu ducken wusste, rannte auch sofort hinterher. Und offensichtlich war dieser, wie Steran zu seinem Schrecken schnell feststellte, nicht bedeutend langsamer als er selber.

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